Goldene Ehrennadel

1909_ arbon restaurant post_k

1945 kratzte er auf die Vorderseite seines Schweizer Armeehelms einen Sowjetstern ein, und die Offiziere getrauten sich nicht, ihn zu bestrafen. Er hasste die Armee, die vertane Zeit im Aktivdienst und die Nazis, die in sein Leben eingriffen. Hans Widmer, ein Mechaniker aus Arbon, war nach dem Lehrabschluss bei der Lastwagenfabrik Saurer 1939 nach Paris ausgewandert. Den Eingang zum Werk 1 der Firma sehen wir rechts im Bild, hinter dem Türmchen links, an der Schmiedgasse, ist Widmer aufgewachsen. Vor dem Gasthaus zur Post («Verkehrslokal der organisierten Arbeiterschaft») fand 1938 ein Radau gegen deutsche Nationalsozialisten statt, der durch die Presse ging. Doch das ist eine andere Geschichte.

In Paris arbeitet Widmer bei einem jüdischen Garagisten an der Place de Clichy. Er wird Kommunist und erhält eine goldene Ehrennadel, weil er 1000 Exemplare der Partei­zeitung «Humanité» an einem Tag verkauft. 1940 marschiert die Wehrmacht ein: Mit den zwei teuersten Limousinen fliehen der Garagist und sein Mechaniker nach Marseille, wo der Chef eine Filiale besitzt. Hans Widmer lernt den Süden kennen, auch die Côte d’Azur, wenn er den Reichen ihre geflickten Autos zurückbringt. Eines Tages drückt ihm der Patron die Schlüssel in die Hand und flieht weiter nach Amerika. Widmer soll die Garage alleine führen, bis er zurückkommt.

Der Arbeiter aus Arbon bleibt nicht lange Garagist am Meer. Der Einrückungsbefehl der Schweizer Armee trifft ein. Nach dem Krieg fährt Widmer, inzwischen SBB-Eisenbahn­kondukteur, bei erster Gelegenheit nach Marseille. Die Deutschen haben die Altstadt gesprengt, die Alliierten haben Stadtteile bombardiert, doch bei der Garage wurde nicht einmal eine Scheibe eingeschlagen. Er geht auf die Mairie, gibt die Schlüssel ab.

Im Dezember stand ich mit Hans Widmer vor diesem Haus in Arbon. Es ist heute eine Pizzeria. Am
11. April haben wir den alten Sozialisten 92jährig begraben. Keinen meiner Freunde kannte ich länger. Keiner hat mir so viele Geschichten erzählt.

Stefan Keller, 1958, Journalist und Historiker aus dem Thurgau. Fotografie: Archiv Stefan Keller

(Aus: Saiten. Ostschweizer Kulturmagazin. Nr. 223, Mai 2013)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: